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  • Mel H.

INTERNATIONaleR Frauentag / feministischer Kampftag


Wenn ich heute was sage -


wer hört mir zu?


Wen spreche ich hiermit an? Es fällt mir nicht leicht heute meine Stimme zu erheben, das muss ich zugeben. Dennoch will ich es tun. Denn meine Stimme hören zu lassen, das fällt mir nicht nur heute nicht leicht, doch dazu später.


Manche haben beschlossen diesen Tag umzubenennen. Feministischer Kampftag. Das finde ich gut. Patriarchale Unterdrückung ist leider nicht nur auf ein Geschlecht, Hautfarbe, Aussehen und Gesundheit gerichtet. Doch ‘Kampf’? Irgendwie hat mich dieses Wort immer gestört, gerade im Bezug auf Feminismus. Ich bin müde vom Kämpfen. Denn es scheint irgendwie so sinnlos, und in keinerlei Verhältnis zum Effekt zu stehen. Sind wir denn im Krieg? Auch wenn das vielleicht stimmen mag, diese Vorstellung und Herangehensweise liegt mir nicht. Ich bin eine Kämpferin, auf jeden Fall. Ich habe mein Leben lang gekämpft, seit meiner Kindheit, vor allem gegen patriarchalische Gewalt und Unterdrückung. Und ich bin eine Überlebende. Doch meine Waffen sind keine Kriegswaffen. Meine ‘Waffe’, wenn man denn so will, ist Selbstbehauptung.


So wie ich diesen Tag gerne verstehen möchte, geht es heute ums Zuhören.


Darum, denen zuzuhören, die auf der Schattenseite des Patriarchats stehen. Wer hat also heute was zu sagen? Äußerlich entspreche ich einigermaßen der Norm, bin weiß, und könnte in mancher Hinsicht davon profitieren mir den Patriarchalismus zunutze zu machen. Vielleicht habe ich das auch manchmal getan.


Dennoch glaube ich, habe ich heute etwas zu sagen und verdiene es gehört zu werden. Denn

ich habe lange geschwiegen.

Aus Scham, weil ich dachte mit mir stimmt etwas nicht. Aus dem Gefühl heraus, diese Wahrheit scheint mich irgendwie zu besudeln. Und aus Angst, diese Wahrheit könnte nur für mich eine Wahrheit sein, und andere sie nicht anerkennen. So habe ich das jedenfalls erlebt, als ich meiner Mutter erzählte, dass ihr neuer Mann mich nachts angefasst hat. Drei Jahre hat sie zugesehen wie ich von meinem Stiefvater sexuell missbraucht wurde. Das einzige was geschah durch mein Sprechen war, dass ich die gnadenlose, bis aufs Blut eifersüchtige Überwachung und Kontrolle meiner Mutter, auf mich zog. Um sicherzustellen, dass ich nicht dabei drauf gehe ihren Mann bei Laune zu halten - ohne jedoch über sie hinauszuwachsen. Ja, das ist krank. Aber das habe ich als Kind nicht verstanden.


War das Krieg? Vielleicht, so wie man ihn im Film sieht wenn der Ton ausgestellt ist. Und ich bin irgendwie das Schlachtfeld gewesen. Was ich gelernt habe durch dieses Vorbild, dadurch so aufzuwachsen, ist verheerend. Ich habe gelernt lieber den Mund zu halten. Sonst ziehe ich den Unmut anderer auf mich, und geholfen wird mir am Ende nicht.

Wem erzähle ich das? Dem und der, der oder die zuhört.
Dir.

Warum erzähl ich das?


Weil ich ein Tabu brechen will. Darüber wird trotz allem wenig gesprochen. Wenig Frauen stehen auf und sagen öffentlich ‘Ja, mir ist das passiert. Ich bin als Kind missbraucht worden’, meistens aus Scham. Noch immer ist das ein Stigma. Ich will hiermit ein Schweigen beenden, das mich lange geschützt zu haben schien. Wovor? Vor Unmut und Abscheu derer, die das nicht hören wollen.

Aber irgendwann habe ich eines verstanden: Gehör und vor allem Gerechtigkeit findet man nicht in Täterkreisen. Wer sind die? Das merkt man an deren Reaktion. Die Menschen die sich angegriffen fühlen, sind die die sich Gedanken machen müssten. Aber die hören nicht zu. Deswegen habe ich aufgehört es ihnen sagen zu wollen. Einsicht bei ihnen zu suchen, Bedauern, Wiedergutmachung. Die gibt es sowieso nicht. Warum es sich für lohnen würde Gehör zu finden ist Änderung zu initiieren. Das ist die Gerechtigkeit, die für mich Bedeutung hat. Dass andere Menschen nicht mehr zusehen wenn Gewalt geschieht. Das Menschen aufhören Täterverhalten zu rechtfertigen, zu relativieren und damit Opfer zu Tätern machen. Dass Menschen sich trauen hinzusehen, einzugreifen. Das Menschen mit Macht diese für Gutes einsetzen und nicht um sich selbst noch mehr zu bereichern.


Damit, meine Stimme zu erheben und zu sprechen, damit hole ich mir meine Macht zurück.


Ich hole mir meine Macht über mein Leben zurück, indem ich sie Menschen wegnehme die mir damit schaden wollen. Ich warte nicht mehr auf Erkenntnis und Reue, oder Änderung. Ich warte nicht auf eine Entschuldigung oder Entschädigung. Ich warte auf nichts und niemanden. Aber das heißt nicht, dass ich schweige. Ich will gehört werden. Aber von den richtigen Menschen. Denen die sich trauen mitzufühlen und gemeinsam etwas neues zu erschaffen. Denn heute kann ich das. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin aus dem was mir passiert ist gewachsen.


Auf meine Erlebnisse reagieren Menschen oft mit Entsetzen und Ekel. Eine Reaktion, die eigentlich dem Täter zugedacht ist. Oder mit Scham und Unbehagen. Eine Reaktion die eher mit dem Opfer sympathisiert. Wer traut sich zu Empathie? Eine Reaktion, die man als selbstbestimmte erwachsene Person hat. Die nicht urteilt. Die Handeln in Gang setzt. Mit dem Täter habe ich nichts zu tun, und ich brauche kein Mitleid. Was ich mir dagegen wirklich wünsche, sind Menschen die mitfühlen können, jetzt.

Ja, das erfordert Mut.

Es erfordert Mut hier heute zu sprechen. Und es erfordert Mut mitzufühlen und mit aktiv zu werden. Ich spreche heute um Gehör zu finden. Bei denen die hören wollen. Bei denen die mitfühlen wollen. Bei denen die verstehen wollen. Bei denen die begleiten wollen. Trösten, unterstützen. Und vielleicht ja auch bei manchen die ihre privilegierte Machtposition dafür einsetzen wollen etwas zu verändern. Falls ja: Fragt nach, hört zu. Fragt was ihr machen könnt, fragt, was hilfreich wäre. Und handelt nicht schnell an Bedürfnissen vorbei, um euer schlechtes Gewissen zu beruhigen und damit auch die die unangenehmen Protest Stimmen.


Wenn ich heute etwas sage - wer hört zu?


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